Christine Steinhauser
Abschlussprojekt der Ausbildung Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik
im Arbeitsfeld Jugendhilfe, Schule, KJP
des KAP-Institutes
Pirates of the River
“Fluch der Argen”
Erlebnispädagogisches Projekt von Christine Steinhauser
06. bis 08. Juli 2007
Inhaltsverzeichnis
1. Das Schülerheim
Die Einrichtung im Überblick
Erlebnispädagogik im Schülerheim
Kanu- juhuu!
2. Die „Mannschaft“
Kapitän und Steuermänner
Die „Crew“
2.1.1. An.
2.1.2. Al.
2.1.3. Ah.
2.1.4. M.
2.1.5. D.
2.1.6. F.
2.1.7. S.
3. Das Projekt
Die Vorbereitung
Die Argen bei Heggelbach
Ablauf des Projektes
4. Nachbereitung und Reflexion
„Ich bin der Meinung, das war Spitze!“
Ziel verfehlt!
1. Das Schülerheim
Die Einrichtung im Überblick
Das Schülerheim ist eine Einrichtung für Schüler der Staatlichen Berufsschule xy, die dort in vier verschiedenen Ausbildungsberufen im Blocksystem beschult werden. Die Schüler kommen aus ganz Bayern. Die Blockdauer beträgt zwei oder drei Wochen, insgesamt bis zu zwölf Wochen im Jahr. In dieser Zeit werden die Schüler im Schülerheim untergebracht, verpflegt und betreut. Das Landratsamt als Träger legt großen Wert auf eine im Rahmen des Möglichen intensive Betreuung und auf ein breites Freizeitangebot.
Zur Zeit sind im Schülerheim im pädagogischen Bereich vier Erzieher, eine Honorarkraft, eine Halbtagskraft mit pädagogischem Hintergrund und ich als Sozialpädagogin und Heimleiterin beschäftigt.
Gleichzeitig werden im Durchschnitt immer 250 Auszubildende in den Berufen Kälteanlagenmechatroniker, Verpackungsmittelmechaniker, Isoliermonteure und Fachangestellte für Bäderbetriebe beschult. Die Einrichtung hat 150 Betten, die restlichen Schüler werden in Ferienwohnungen untergebracht, aber weiterhin vom Personal des Schülerheimes betreut. Die Jugendlichen sind im Alter zwischen 15 und 22 Jahren. Es handelt sich überwiegend um Jungen. Das ergibt sich aus den Lehrberufen.
Die zentralen Aufgaben der pädagogischen Mitarbeiter sind die Gewährung des Gesamtbetriebsablaufes, Aufsichtspflicht, Intervention bei Konflikten, Schulung des Sozialverhaltens in der Gruppe, Beziehungsarbeit und die Schaffung eines breit gefächerten Freizeitangebotes.
Das Landratsamt lässt dem Team großen Spielraum und sehr viel Verantwortung bei der Erfüllung und Gestaltung des Arbeitsauftrages. Das Team ist sich darüber einig, dass Beziehungsarbeit, möglichst intensiver persönlicher Kontakt, die Förderung der Identifikation mit der Einrichtung und ein interessantes Freizeitangebot der beste Weg sind, um Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewaltanwendung, Vandalismus und Einzel- und Gruppenkonflikten entgegenzutreten. Als größtes Problem sehen wir bei einem Teil der Schüler das „Fehlen von Grenzen“, in der Pädagogik ein hinlänglich bekanntes Problem, und mangelndes Sozialverhalten. Es kommt häufig zu Konflikten zwischen den einzelnen Berufsgruppen. So bieten wir alle Freizeitmaßnahmen berufsübergreifend an und fördern den Kontakt untereinander. Im Spektrum unseres Freizeitangebotes berücksichtigen wir den Bedarf und die primären Wünsche der Schüler (Playstation, DVD, Sport ) und dem, was wir erzieherisch vermitteln wollen: sinnvolle Freizeitgestaltung jenseits von Playstation & Co. Das bedeutet: neue Erfahrungen, Abenteuer erleben, Gruppenerlebnisse, Naturnähe, Teamgeist, Kreativität, Mut haben, sich auf Unbekanntes einlassen und Vertrauen zu uns und der Gruppe zu entwickeln.
In unserem Konzept bieten sich erlebnispädagogische Aktionen als außergewöhnlich gute Methode an.
Erlebnispädagogik im Schülerheim
Einer der Mitarbeiter des Schülerheimes hat bereits vor einigen Jahren bei KAP die Ausbildung zum Erlebnispädagogen abgeschlossen und arbeitet seitdem in diesem Bereich praktisch. Darüber hinaus verfügen einzelne Mitarbeiter aufgrund von Fortbildungen und aus ihrem privaten Hintergrund über Kenntnisse und Fähigkeiten, die in der Erlebnispädagogik Anwendung finden (Kanufahren, Klettern, Reiten u.a. ). Das Landsratsamt als Träger hat die erlebnispädagogischen Maßnahmen bislang mit der Finanzierung von Material, Fortbildungen und Kosten der Aktionen selbst gefördert.
So konnten wir in den vergangenen 5 Jahren Höhlenbefahrungen, Mountainbike-Touren, Klettern, Abseilen, Rodeln, Reiten, Team- und Kooperationsspiele, Mobile Seilgärten und Kanufahren anbieten.
Die Jugendlichen nehmen grundsätzlich freiwillig an den Freizeitmaßnahmen teil und müssen einen Unkostenbeitrag leisten. Viele Jugendliche haben enorme Ängste, sich auf etwas Ungewohntes einzulassen und ziehen den Rückzug vor. Sie verlassen das Schülerheim während ihres Aufenthaltes kaum und kennen nicht einmal die nächste Umgebung. Andere überschätzen sich selbst, haben alles schon einmal gesehen und erlebt und empfinden viele Angebote zunächst als langweilig. Nicht alle Mittel der Erlebnispädagogik weisen auf dem Hintergrund unserer Einrichtung, der spezifischen Zielgruppe und der Freiwilligkeit die gleiche Effizienz auf.
Mobile Niedrigseilelemente beispielsweise wurden oftmals ohne große Begeisterung aufgenommen. Bei annähernd allen Höhlenbefahrungen waren Teilnehmer dabei, die ihre Ängste – auch nicht mit unserer Hilfe oder der Unterstützung der anderen Schüler - überwinden konnten. Zurück blieb für diese Teilnehmer dann oft ein negatives Gefühl, auch wenn sie zumindest lernen mussten, mit der Angst konfrontiert zu sein und damit umzugehen. Das Rodeln, insbesondere das Vollmond-Rodeln, hat überwiegend Spaßcharakter und bietet Abenteuer, ist aber weniger als Lernfeld für Sozialverhalten geeignet. Reiten, das eine Vielfalt von Lernmöglichkeiten bietet, können wir aufgrund der Gegebenheiten nur für maximal vier Teilnehmer anbieten. Für mein Abschlussprojekt habe ich mir aber eine größere Gruppe gewünscht. Klettern betreiben wir aus Sicherheitsgründen vorwiegend in der Halle. Das Kanufahren erwies sich für unsere Zielgruppe und unser Konzept als wirksamste Methode. Beim Kanufahren müssen die Teilnehmer im Boot ein funktionsfähiges Klein-Team bilden, aber auch ständig auf die Gesamtgruppe achten und uns, unseren Kenntnissen und Anweisungen vertrauen. Sie müssen beim Laden der Kanus bereits zusammenarbeiten und selbst mit darauf achten, dass alle notwendigen Ausrüstungsgegenstände eingepackt sind. Der erste ungewohnte, schwierige Schritt weg von der Konsumhaltung in der Freizeit. Nicht selten stehen die Teilnehmer, wenn wir die Kanus für eine Tour auf den Hänger laden erstaunt daneben und schauen zu und würden unaufgefordert nicht mithelfen. Beim Rücktransport sind sie dann stolz, „alte Kanuhasen“ zu sein und fassen sofort mit an. Im Punkt Hilfsbereitschaft klappt nach unseren Erfahrungen der Transfer in den Alltag sehr gut. Schüler, die einmal an einer unserer Maßnahmen teilgenommen haben, laufen mit offenen Augen durch die Einrichtung und helfen uns gerne.
Kanu – juhuu?!
In unmittelbarer Nähe fließt die Argen. Sie ist bei normalem Wasserstand mit WW I-III klassifiziert und so mit Jugendlichen ohne Vorkenntnisse noch gut befahrbar. Trotzdem bietet sie ihnen Spannung und stellt an ihre körperlichen Kräfte und ihre Konzentration eine Herausforderung dar. Bei einer Kanutour auf der Argen ist neben den angesprochenen Aspekten des Sozialverhaltens unser Ziel, dass die Jugendlichen Naturnähe spüren lernen, für ökologische Aspekte zu sensibilisieren, fachsportliche Kenntnisse zu vermitteln und die Ortskenntnis zu verbessern. Mangelndes Konzentrationsvermögen auf eine Sache und das Ernstnehmen von Gefahren sehe ich oft als Defizit bei Jugendlichen, so dass mir stets die Vermittlung von fachsportlichen Kenntnissen, das Konzentrieren und Hineinfühlen in das Boot am Herzen liegt.
Das Schülerheim hat in den letzten Jahren eine komplette Kanuausrüstung - drei Boote, Paddel, Schwimmwesten, Wurfsäcke, Tonnen, Helme uvm. - angeschafft. Dazu leihen wir nach Bedarf noch weitere Boote aus.
Aufgrund der genannten Aspekte favorisierte ich für mein Abschlussprojekt ein Kanu-Wochenende. Die Argen bietet Etappen für zwei Paddeltage. Für Nicht-Paddler ist das unter Umständen auch genug. So beschloss ich, am dritten Tag Kooperationsspiele und eine Radtour durchzuführen. Geplant war zunächst die Unterbringung in einem Tipi-Camp auf Selbstversorgerbasis am Fluss. Das Camp war jedoch bereits belegt, so dass wir in einem Heustadel eines Bekannten übernachteten.
Der überwiegende Teil der Jugendlichen fährt am Wochenende nach Hause. Von den durchschnittlich 250 Schülern bleiben am Wochenende 10 – 20 vor Ort. 3 bis 4 Mal im Jahr bieten wir für die „Wochenendler“ ein spezielles Programm an, bei dem wir außerhalb übernachten, beispielsweise in Hütten, auf Campingplätzen oder in der Wildnis. Dabei ist nicht nur aus finanziellen Gründen eine einfache Unterbringung wichtig. Für uns und die Einrichtung haben diese Wochenenden eine enorm bedeutsame Funktion. Auch wenn wir mit dem spezifischen Angebot nur eine kleine Zielgruppe erreichen, so bleibt den Teilnehmern das Wochenende im Gedächtnis doch oft als unvergesslich haften. Sie bauen zu uns eine intensive Beziehung auf und übertragen das Erlebte durch Erzählungen und Vorleben der gefestigten Beziehung zu uns auf ihre Mitschüler. Der überwiegende Teil der Wochenendler „muss“ aus finanziellen Gründen vor Ort bleiben. Die Schüler sind ohnehin fern von Zuhause, sie fühlen sich nach einer Eingewöhnungszeit im Schülerheim sicher und verlassen es am Wochenende oftmals 72 Stunden überhaupt nicht. Sie empfinden die Möglichkeit, ein Hüttenwochenende oder eine Kanutour mitmachen zu können, nicht sofort als einladendes Angebot. So gehört zur Vorbereitung einer solchen Maßnahme im Schülerheim ein langfristiges Heranführen, Informieren und Motivieren. „Kanu – juhuu“ hören wir in der Regel immer erst nach der Maßnahme. Dann aber wollen die Schüler, unabhängig vom Wetter und vom Wasserstand immer wieder zum Paddeln gehen.
Ich persönlich bin seit Jahren begeisterte Kanadierfahrerin, habe etliche Kurse besucht und bin auch mit Rettungs- und Bergungsmethoden vertraut. Das größte Problem bei der Planung einer Kanutour bleibt das Wetter. Die Argen ist ein relativ kurzer Fluss, so dass sich der Wasserstand sehr schnell ändert. Bei Hochwasser wird sie schnell lebensgefährlich, bei Niedrigwasser ist das Befahren des Flusses aus Gründen des Naturschutzes verboten. Für die Tour musste ich jedoch aus organisatorischen Gründen ein bestimmtes Wochenende festlegen, zumal ungefähr vorhersehbar ist, welche Schüler am Wochenende nicht nach Hause fahren. Ich hatte eine bestimmte Zielgruppe im Auge: es sollten auf jeden Fall Zehntklässler sein, damit sie in einer frühen Phase ihrer Ausbildung an einer solchen Maßnahme teilnehmen. Darüber hinaus wollte ich Schüler mitnehmen, zu denen bereits ein lockerer Kontakt besteht. So blieb also das „Daumen drücken für den Sonnenschein“.
Bei der Gruppe handelte es sich Kälteanlagenmechatroniker aus drei verschiedenen Klassen aus dem ersten Ausbildungsjahr. Einige der Jungen kannten sich flüchtig, andere sehr gut. S. hatte seine Ausbildung mit Verspätung gerade erst begonnen und kannte uns kaum. Bei allen anderen handelte es sich um Schüler, die grundsätzlich verstärkt Kontakt zum Personal des Schülerheimes suchen. Mir war wichtig, bereits eine Basis mit den Jungen zu haben, auf der wir am Wochenende aufbauen konnten. Wir wissen vom Hintergrund der Schüler nur das, was sie selbst freiwillig erzählen. Da bei uns insgesamt über 850 Jugendliche anhängig sind, ist es schwierig, intensive Beziehungen aufzubauen.
An. und Al. hatten bereits an einer unserer Tagestouren auf der Argen teilgenommen und freuten sich sehr auf das Wochenende. Zwei weitere Jungen, D. und S., zeigten auch Vorfreude. Drei Jungen waren nicht begeistert vom Kanufahren, ließen sich aber doch darauf ein. Lediglich Ah. wollte gar nicht mitkommen. Er wurde vor die Wahl gestellt, am Kanuwochenende teilzunehmen oder nach Hause zu fahren. Das war aus finanziellen Gründen nicht möglich. Die Schüler werden einige Monate vor der Wochenendveranstaltung schriftlich eingeladen, so dass sie sich darauf einstellen können.
2. Die „Mannschaft“
Kapitän und Steuermänner
Erlebnispädagogische Aktionen führen wir im Schülerheim aus Sicherheitsgründen grundsätzlich mit mindestens zwei Fachkräften durch. In diesem Fall war ich die Hauptverantwortliche, da es sich um mein Abschlussprojekt handelte. Mein Arbeitskollege Gordon-Yves Nothig, ausgebildeter Erzieher und Erlebnispädagoge und erfahrener Kanadierfahrer, unterstützte mich in jeder Hinsicht, überließ mir jedoch die maßgeblichen Entscheidungen. Mit im Boot war unsere damalige Praktikantin Jasmin Tatan, die bislang mit Erlebnispädagogik noch keine Berührung hatte, aber sehr gerne teilnehmen wollte. Sie unterstützte mich in erster Linie in allen logistischen Problemen. Das Team im Hintergrund unterstützte die erlebnispädagogische Maßnahme.
2.2. Die „Crew“ (alle Namen geändert)
2.2.1. An. und Al.
An. ist 21 Jahre alt und verbringt hier seine gesamte Freizeit mit dem 19-jährigen Al.. Sie sind verhältnismäßig alt. Das schafft bei den Mitschülern Respektvorschuss. Beide machen sich aber nicht viel aus ihren Klassenkameraden, sie leben in ihrer Welt und registrieren von ihrem Umfeld nur das, was sie sehen wollen. Gemeinsam suchen sie ständig Kontakt zu den pädagogischen Mitarbeitern des Schülerheimes. Dabei „blödeln“ sie jedoch nur herum und haben sich so sehr in ihren eigenen Witz hineingesteigert, dass es Außenstehenden schwer fällt, den Humor zu teilen. Sie suchen beim betreuerischen Personal ständig die Grenzen. Wann lachen wir, wann reagieren wir genervt, wann werden wir laut? Wenn ein Kollege sie dann in ihre Schranken verweist, berührt sie das sehr und sie versuchen mit allen Mitteln, die Missstimmung wieder aufzuheben. Sie entschuldigen sich mehrmals täglich für ihr Fehlverhalten, ohne es zu ändern. Dabei sind sie weder dumm, noch unfreundlich. An. wirkt blockiert, scheint in der Familie das „Sorgenkind“ zu sein. Mit seinem ständigen Herumblödeln kaschiert er seine Hintergründe. Ich habe beide nur in ganz kurzen Sequenzen in einem ernsthaften Gespräch erlebt. An. interessiert sich für viele spezielle Themen, er könnte sich auch intensiv auf eine Sache konzentrieren, lässt sich aber von Al. sofort ablenken. Al. wirkt sehr unreif. Für die beiden habe ich mir für das Wochenende gewünscht, dass sie sich selbst in der Gruppe wahrnehmen und lernen, auf die Gruppe einzugehen. Darüber hinaus habe ich gehofft, dass sie ihre vorhandenen Paddelkenntnisse verbessern und ggfs. mit ihrem Vorwissen auch die Gruppe unterstützen. Beide sind auffällig langsam und schwerfällig.
2.2.2. B.
B. ist 17 Jahre alt und sucht auch immer Kontakt zu den Mitarbeitern des Schülerheimes. Dabei zeigt er sich sehr höflich und respektvoll. Er ist eher „einfach gestrickt“. Seine Mitschüler registrieren das, nehmen ihn jedoch wie er ist. B. erscheint immer sorglos. Wenn eine Kanutour stattfindet, macht er sie mit, wenn nicht dann nicht. Für ihn erwies sich das Wochenende als körperlich anstrengend, aber er hat sich ohne zu murren durchgebissen. Er hat sich in der Gruppe wohl gefühlt. Ich wollte ihn an dem Wochenende näher kennen lernen, unsere Bindung festigen und ihn in die Gruppe integriert wissen. Ich befürchtete noch immer, dass er der Außenseiter werden könnte. Ich war von seinem Durchhaltevermögen positiv überrascht.
2.2.3. M.
M. ist 18 Jahre alt. Er ist sehr erwachsen, überhaupt kein „cooler Typ“, sondern auffallend freundlich und ruhig. Er ist eher unsportlich und auch für ihn war die physische Anstrengung eine große Belastung. M. hat die Kanutour am ersten Paddeltag früher abgebrochen, weil er erschöpft war. Ich denke, dass es für ihn trotzdem wichtig war, dass er sich auf etwas eingelassen hat, was ihm nicht liegt. Er konnte aussteigen, als es ihm zuviel wurde, ohne vor der Gruppe als Schwächling zu erscheinen. M. tendiert dahin, schon zu „fertig“, zu vernünftig für einen 18-Jährigen zu sein, zu wenig abenteuerlustig. Er ist zu Fuß zum Quartier gelaufen. Er ist der einzige, der unaufgefordert Mahlzeiten vorbereitet hat und so Verantwortung übernommen hat.
2.2.4. D.
D. ist 16 Jahre alt. Die Mitarbeiter des Schülerheimes erlebten ihn als freundlichen und sympathischen Jungen. Seine Mitschüler lehnten ihn aber ab, was wir uns nicht erklären konnten. Ich wollte an diesem Wochenende erfahren, worin diese Abneigung wurzelt. Er lässt sich nicht richtig auf seine Klassenkameraden ein und distanziert sich. Während des Wochenendes suchte er sich als einziger Möglichkeiten, sich von der Gruppe zu entfernen und zurückzuziehen. Insgesamt aber hat D. im Laufe des Wochenendes eine Entwicklung vollzogen und zumindest zu M. und B. verstärkt Nähe zugelassen. Diese drei Jungen wünschen sich seither immer ein Dreibettzimmer im Schülerheim. Zuvor wollte niemand mit D. ein Zimmer teilen. Für D. war auch das Kanufahren ein außergewöhnliches Erlebnis und sein Kontakt zu mir hat sich dadurch intensiviert.
2.2.5. Ah.
Ah. ist 19 Jahre alt und kommt aus dem Irak. Er lebt seit 5 Jahren in Deutschland. Er spricht sehr gut deutsch, kämpft aber offensichtlich mit den Kulturunterschieden. Beispielsweise fiel es ihm lange Zeit sichtbar schwer, Anweisungen des weiblichen Personals im Schülerheim Folge zu leisten. Seine Mitschüler machen oft Witze im Hinblick auf seine Herkunft, ohne jedoch bösartig zu werden. Ah. ist sehr sensibel und tendiert zu cholerischen Ausbrüchen, die er aber unterdrückt. Vor der Kanutour versicherte er mir überzeugend, dass er keine Angst hätte. Nach einer Kenterung kletterte er auf einen Stein rührte sich nicht von der Stelle und schrie laut um Hilfe, obwohl die Situation keineswegs gefährlich war. Er hätte den Stein verlassen können und durch das Wasser ans Ufer waten können. Aber er ließ sich von mir mit Hilfe eines Wurfsackes retten. Eine ähnliche Situation wiederholte sich, so dass die Gruppe in ihm den „Schwachen“ erkannt hatte. Daraufhin nahm er sich in einer Pause ein Kanu und fuhr unbemerkt alleine los, obwohl klar war, dass das verboten war. Als ich ihn zur Rede stellte, sagte er zunächst, dass er Haschisch geraucht hätte und nicht gemerkt hätte, was er tat. Das erschien mir unwahrscheinlich. Später gestand er mir, dass er uns beweisen wollte, dass er doch paddeln kann. Ah. hat auf jeden Fall zu mir während des Wochenendes großes Vertrauen gewonnen und akzeptiert seither meine Anweisungen. Lernziel für ihn ist, sich zu artikulieren, seine angestaute Wut nicht zu unterdrücken, sondern sinnvoll zu kanalisieren. Er kommt mittlerweile mehrmals täglich zu mir und erzählt mir, was ihn bewegt.
2.2.6. S.
S. ist 24 Jahre alt. Er war derjenige, den wir am wenigsten kannten. Es zeigte sich sehr schnell, dass S. sehr viel trinkt. Ich musste ihn mehrfach darauf hinweisen, dass er laut unserem Reglement keine mitgebrachten alkoholischen Getränke zu sich nehmen, sondern nur unter unserer Aufsicht das von uns gestellte Bier trinken darf. Darüber hinaus erschien es ihm eine Zumutung, während des Paddelns auf Alkohol zu verzichten. Er störte sich an An.’s und Al.’s ständigem Geblödel. Als er Gelegenheit fand, mit mir allein zu sprechen, erzählte er mir sofort seinen persönlichen Hintergrund, so dass wir doch einen guten Kontakt zueinander bekamen. Er genoss das Wochenende draußen mit Holzhacken, Lagerfeuer und Kanufahren am meisten. Bei den Kooperationsspielen am Sonntag Morgen taute er auf und setzte sich plötzlich sehr für die Gruppe ein, obwohl er zuvor eher distanziert und zurückhaltend war. Mittlerweile hat er nach einem Autounfall unter Alkoholeinfluss seinen Führerschein verloren und sagt selbst, dass es gut sei, dass das passiert ist.
2.2.7. F.
F. ist 16 Jahre alt und St. Pauli-Fan, der „Rasenheizungsverweigerer“. Er wirkt sehr unkompliziert, integriert sich selbst gut in die Gruppe und sucht Kontakt zu den Mitarbeitern des Schülerheimes. Bei ihm stand für mich im Vordergrund, ihn näher kennen zu lernen und seine körperlichen Ressourcen zu testen. Ähnlich wie M. neigt er zu Bequemlichkeit. Ich bedauere es, wenn Jugendliche wenig erleben, weil sie zu bequem sind. Auch er stieß an seine körperlichen Grenzen ohne sich zu beschweren. Die Kanutour war im Grunde von der Strecke her keine Überforderung für Jugendliche. Sie erwiesen sich aber insgesamt als schlechte Paddler, so dass wir sehr viele Kenterungen hatten und extrem oft Boote ausleeren mussten. Der Tag auf dem Wasser wurde dadurch lang und kräftezehrend. F. hat das aber gut bewältigt und war sehr zufrieden mit sich.
3. Das Projekt
Die Vorbereitung
Während der Vorbereitung des Projektes fanden folgende Aspekte Beachtung:
• Auswahl des Termins, abhängig vom Blockschulplan der Schüler, gewünscht war eine bestimmte Gruppe von Kälteanlagenmechatronikern
• Schriftliche Einladung an die potentiellen Schüler mit Anmeldeformular und Einverständniserklärung der Eltern der Minderjährigen, mündliche Einladung im Schulblock vorher, Motivation
• Finanzierung von Projekten ist im Schülerheim kein Problem, da es ein Budget für Freizeitmassnahmen gibt, die Schüler zahlen einen Unkostenbeitrag
• Quartiersuche, ein Tipi-Camp am Fluss war belegt, wir fanden einen Bekannten, der seinen Heustadel zur Verfügung stellte. Wir legen Wert auf einfache Unterkünfte, um den Jugendlichen zu zeigen, dass man auf sehr viel Komfort verzichten kann
• Sicherstellen des Versicherungsschutzes; aus gegebenem Anlass stellten wir einige Monate vor dem Projekt fest, dass wir keine hinlängliche Versicherung für erlebnispädagogische Maßnahmen haben. Ich wandte mich an das Landratsamt, mit der Bitte, eine Versicherung abzuschließen. Unglücklicherweise löste das eine Diskussion aus, ob Erlebnispädagogik in unserer Einrichtung weiterhin nötig sei. Nach sehr viel Überzeugungsarbeit wurde die Versicherung abgeschlossen
• Einholen der Genehmigung des Arbeitgebers
• Kooperation und Absprache mit Kollegen, Gespräche, um Zielsetzung, Ablauf und Aufgabenverteilung zu klären in allen Planungsphasen
• Sicherheitskonzept, das Sicherheitskonzept ergab sich aus unseren umfangreichen Kenntnissen über sicherheitsrelevante Punkte beim Kanufahren: Schuhe tragen, Wechselkleidung mitnehmen, ausreichend Verpflegung und Getränke mitnehmen, wasserdichte Tonnen für Wertsachen und Kleidung zur Verfügung stellen, Einweisung der Teilnehmer zum Verhalten auf dem Fluss, insb. bei Kenterungen (Absprache von Handzeichen zur Verständigung, Schwimmen mit den Füssen flussabwärts, Befolgen von Anweisungen, Helm- und Schwimmwestenpflicht u.a.) Erste-Hilfe-Set und funktionstüchtiges Handy einpacken, eine Kollegin auf Abruf, die uns zur Not abholen könnte
• Erstellen eines „Plan B“ bei schlechter Witterung oder Trockenheit
• Erstellen von Packlisten, Materialcheck
• Auswahl von Spielen
• Zusammenstellung eines Verpflegungsplans, Lebensmittel beziehen wir über die hauseigene Küche und müssen rechtzeitig bestellt werden
• Erstellen eines Logistikplans
• Flusskenntnis, wir sind die Argen bereits mehrmals gefahren und waren mit den Gefahrenstellen gut vertraut
Ablauf des Projektes
Das Projekt erhielt den Namen „Pirates of the River“ mit dem Untertitel „Fluch der Argen“. Das hatte aber nur Spaßcharakter, es verbarg sich keine Geschichte dahinter.
Geplant war, am Freitag nach dem Mittagessen am Schülerheim mit den verladenen Kanus zur ersten Einsatzstelle zu fahren und die erste Tagesetappe bis zum Heustadel zu paddeln. Am ersten Abend wollten wir am Fluss ein Lagerfeuer entzünden und Würstchen grillen und uns erst einmal aneinander gewöhnen. Nach der Übernachtung wollten wir die zweite Etappe auf der Argen paddeln und im Anschluss daran einen gemütlichen Abend am Heustadel verbringen. Am dritten Tag wollten wir nach einigen Kooperationsspielen am Morgen mit dem Fahrrad entlang des Bodensees zurück nach Lindau fahren.
Tatsächlich aber regnete es in der Woche vor dem Projekt stark, die Argen hatte am Freitag noch so viel Hochwasser, dass wir die Jugendlichen der Gefahr nicht aussetzen konnten. Da sich der Wasserstand des Flusses außerordentlich schnell verändert, hatten wir bis zuletzt gehofft, paddeln zu können. Am Freitag Mittag warfen wir den zeitlichen Projektplan um und zogen die Radtour vor. Das brachte uns natürlich in große Schwierigkeiten hinsichtlich der bereits ausgeklügelten Logistik, die der Transport von Kanus, Fahrrädern, Gepäck und Verpflegung zu jeweils verschiedenen Orten mit sich brachte. So landete das eine oder andere Teil zur falschen Zeit am falschen Ort, so zum Beispiel das Flickzeug, hätten. Wir radelten zu einer Sandbank am Fluss und verbrachten den Abend am Lagerfeuer.
Das Wetter besserte sich. Wir konnten am nächsten Tag paddeln. Vorm Einstieg habe ich eine Einführung zum Thema Material, Sicherheit, Paddeltechnik und Gewässerkunde gegeben. Erfahrungsgemäß sind die Jugendlichen aber am Ufer stehend mit einem Paddel in der Hand aufgeregt und nicht besonders aufnahmefähig. An der Einstiegsstelle gibt es einen größeren Pool, in dem sie die einfachsten Paddelschläge hätten üben sollen. Sie konnten sich darauf nicht konzentrieren und wollten starten. Wir fuhren also zunächst ein Stück. Nach einigen missglückten Paddelmanövern konnten sie sich besser darauf einlassen, sich etwas erklären zu lassen. Zuvor hatte noch jedes Kleinteam seinem Boot einen Namen geben dürfen. So stachen „Metal Pirates“, „Pirates of the Ladies“, „Fluch der Argen“ und einige andere ‚in See’. Um die Namen auf Klebeband schreiben zu können, hatte ich Filzstifte ausgegeben. Die Jugendlichen malten sich nun erst noch alle Tattoos. Die Etappe dauerte sehr viel länger als geplant, die Jugendlichen waren sehr erschöpft. Abends kochten wir vorm Heustadel.
Am nächsten Morgen starteten wir mit einigen Kooperationsspielen in den Tag. Die Schüler mussten sich zunächst motivieren lassen, fanden dann aber schnell in die Spiele hinein und hatten ihren Spaß an der Sache. Etwa die Hälfte der Gruppe äußerte, dass sie nicht weiter paddeln wolle. Es war deutlich, dass es ihnen gut gefallen hatte, es aber jetzt eine Belastung für sie sei, weiter zu fahren. Da ich das positive Erleben nicht zerstören wollte und ich bei keinem der Schüler den Eindruck hatte, dass er sich nicht genügend bemüht hatte, einigten wir uns darauf, dass die Hälfte mit der Praktikantin einen ruhigen Tag verleben würde, während mein Kollege und ich mit den vier anderen Schülern weiter paddelten. Am frühen Nachmittag kam es zu sturzbachartigen Regenfällen, so dass wir abbrechen mussten. Eine Arbeitskollegin holte uns am Fluss ab. Obwohl es unangenehm kalt und schade war, empfanden die Schüler auch diesen Wolkenbruch als Abenteuer und wirkten sehr zufrieden. Die unvorhergesehenen Umstellungen und auch die Trennung der Gruppe am letzten Tag haben für mein Empfinden die Zielsetzung des Projektes keinesfalls beeinträchtigt. Im Gegenteil: ich hatte das Gefühl, dass die Nichtkanuten mir dadurch größeres Vertrauen entgegen brachten, dass ich sie nicht gezwungen habe, weiter zu paddeln. Sie erlebten, dass Rücksicht genommen wird, und sie sich bei mir gut aufgehoben fühlen können. Die Kanuten hingegen hatten ein gutes Gefühl, weil sie weiter paddelten.
Am Sonntag Morgen herrschte eine allgemeine Trägheit, die sich jedoch nach der Durchführung der Kooperationsspiele verflüchtigt hatte. Dabei war ein Actionspiel zum Wachwerden, bei dem jeder Teilnehmer mehrere Wäscheklammern bekommt, die er seinen Gegenspielern anheften muss. Wer die meisten Wäscheklammern am Körper hat, hat verloren. Zwei weitere Spiele dienten eher der Kooperation und Teamfähigkeit und der Konzentration auf eine Sache. Bei dem einen Spiel hält jeder das Ende eines Seilstückes, in dem ein einfacher Sackstich geknotet ist. Das andere Ende hält der nächste Teilnehmer. Nun müssen die Seile entknotet werden, ohne die Stücke loszulassen. Bei dem dritten Spiel mussten mit Wasser gefüllte Luftballons mit Hilfe eines Seilstückes über eine bestimmte Strecke transportiert werden. Das letzte Spiel war den Jungen viel zu einfach. Alle Schüler beteiligten sich mit Rat und Tat an den Spielen, suchten konzentriert nach Lösungen und zeigten sich in der Kommunikation untereinander sehr diszipliniert.
4. Nachbereitung und Reflexion
„Ich bin der Meinung das war spitze“
Die Teilnehmer äußerten sich in der Reflexion ausschließlich positiv über das Wochenende. Jeder hat auf seine Weise aus der Aktion und aus dem Zusammenleben in der Gruppe etwas gewonnen. Jeder hatte etwas erlebt und hatte sich in einem gut geschützten Rahmen seinen persönlichen Grenzen genähert. Der etwas chaotische Ablauf durch die Planungsumstellung, fehlende Materialien durch die spontan geänderte Logistik hat niemanden gestört. Die Schüler haben gesehen, dass meine Kollegen und ich mit unvorhersehbaren Situationen umgehen können und haben dadurch Vertrauen zu uns gefasst. Jeder Schüler hat sich auf seine Weise am Gruppenleben beteiligt und Kontakt zu den Kollegen und mir gesucht. Wie bereits erwähnt, war die erste Kanutour für drei der acht Jungen eine physische Belastung, der sie aber gut Stand gehalten haben. Sie haben es „geschafft“ und mussten aber nicht übertreiben.
Am Freitag Abend haben wir nach dem Lagerfeuer vorm Heustadel noch das „Werwolfspiel“ angeboten. Das ist ein Spiel, bei dem alle Mitspieler langsam zu Werwölfen mutieren und wiederum immer mehr Mitspieler „fressen“. Schon dabei herrschte die Stimmung, dass wir ‚eine Gruppe’ sind.
Mein Kollege und ich haben sehr unterschiedliche Wirkungen auf die Schüler. Mit ihm als einzigen Mann im Team wollen die Jugendlichen sich oft kräftemäßig messen und Männer-Themen besprechen. Sie sind sofort an seiner Seite, wenn er eine Axt oder ähnliches auspackt. Ich habe eher eine verlässliche Ausstrahlung, mir erzählen sie ihre Lebensgeschichten und wollen ein Pflaster, wenn sie sich geschnitten haben. Ich habe schon mehrmals erlebt, dass sie mich in fachsportlichen Belangen nicht in dem Maße akzeptieren wie meinen Kollegen. An diesem Wochenende war das anders. Das zeigte mir, dass sie offen waren für die Aktion, für das Zusammensein und für die Vertiefung unserer Beziehung.
Besonders positiv hat das Wochenende auf D. gewirkt. Er hat seine Distanz oft ablegen können und hat Freunde gefunden. Für ihn war das Paddeln und der Aufenthalt in der Natur ein richtiges Abenteuer. Er bewies am meisten Paddelkondition, obwohl er der Jüngste ist. Mit der Axt am Lagerfeuer war er kaum noch zu halten und hat uns einen großen Haufen Brennholz beschert. Nach dem Wochenende war er im Schülerheim auffallend besser integriert.
S. gefiel das Paddeln, und er erwies sich als der geduldigste Feuerer mit nassem Treibholz. Er hat seinen Einstieg über die Gespräche mit mir und über das intensive gemeinsame Erleben gefunden. Wenn er zuvor als 24-Jähriger die Einrichtung Schülerheim eher als lästige Begleiterscheinung seiner Ausbildung gesehen hat, so hat sich diese Einstellung komplett gewandelt. Ihn hat das Verhalten von An. und Al. am meisten gestört, zumal er auch älter ist und ihnen nicht den Respektvorschuss gewährte, wie es die Jüngeren taten. Er bemerkte jedoch, dass das Verhalten mein Wohlbefinden auch beeinträchtigt und würdigte meine Versuche auf die beiden einzuwirken.
Ah. hat noch einen langen Weg vor sich, um zu lernen, seine Gefühle angemessen zu artikulieren, aber er hat an diesem Wochenende erste Schritte in die richtige Richtung unternommen.
F., B. und M. haben sich alle drei aus der Sicherheit des Schülerheimes heraus gewagt, weil sie meinem Kollegen und mir Vertrauen schenken. Sie haben die Erfahrung machen können, dass es sinnvoll ist, in geschütztem Rahmen und ohne Druck etwas auszuprobieren. Alle Drei haben die Beziehung zu uns vertieft, waren anschließend im Schülerheim sehr offen und hilfsbereit.
Insofern halte ich das Projekt für gelungen und meine Zielsetzung für erreicht. Die Beziehungen zu uns, die die Grundlage unserer Arbeit und unseres Konzeptes sind, und gute Beziehungen untereinander, haben sich gefestigt. Mittels intensiver gemeinsamer Erlebnisse wird nachhaltig ein positiver Umgang miteinander gestärkt. Es zeigte sich im weiteren Verlauf, dass das Wochenende auch auf Nichtteilnehmer im Schülerheim Wirkung hatte, dass wir den Kontakt zu den Schülern aus dem Umfeld der Teilnehmer gezielt verbessern konnten.
Besonders positiv zu bewerten ist, dass außer S. keiner der Jugendlichen überhaupt Interesse am Konsum von Alkohol zeigte. Das mitgebrachte Bier, dass wir kontrolliert und nur nach dem Paddeln verkaufen wollten, wurde fast nicht angerührt. Die einfache Unterbringung im Heustadel ohne Dusche wurde nur von Ah. kritisiert, der sehr reinlich ist.
Ziel verfehlt!
In meiner positiven Auswertung des Wochenendes fehlen An. und Al.:
An. und Al. haben sich „durch das Wochenende hindurch geblödelt“. Mich persönlich hat das sehr gestört, weil sie nicht, wie ich es mir erwünscht hatte, für die Gruppe sensibilisiert wurden. Sie sahen in den anderen Teilnehmern auch keine willkommenen Zuschauer für ihre humorvollen Vorstellungen, sondern sie nahmen nur sich selbst wahr. Die anderen Schüler fanden die beiden Komiker zunächst lustig, fühlten sich jedoch nach einer gewissen Zeit auch beeinträchtigt. An. und Al. sind beide sehr langsam, die Gruppe musste ganz oft auf sie warten. Auch in „Notsituationen“, bzw. Situationen, in denen Ernsthaftigkeit gefragt ist, erkennen sie den Ernst der Lage nicht. Das halte ich für keine gute Grundlage, um eine Kanutour auf leichtem Wildwasser durchzuführen, bei der Anweisungen an Stromschnellen beispielsweise schnell und sofort registriert und umgesetzt werden müssen. Die Situation war für mich nur noch tragbar, dadurch dass die beiden kräftig und sportlich sind und daher oft auf Paddeltechnik verzichten können. Häufiges Kentern machte ihnen nichts aus. Das Problem war, dass ich An. und Al. weder durch ein vernünftiges Gespräch, noch durch das Erheben der Stimme, noch durch andere Mittel erreichte. Am meisten Wirkung zeigte, wenn ich übertrieben an meine Gefühle appellierte: „Das tat mir sehr weh, dass ihr das gemacht habt“. Das bringt sie für kurze Zeit aus der Fassung und sie versuchen mit allen Mitteln etwas wieder gut zu machen. Nachhaltig ist aber bislang keine nennenswerte Verhaltensänderung erzielt worden. Während der Kanutour fingen die beiden eine Schlange. Sie erzählten das als erstes nach der Rückkehr ganz begeistert einer Kollegin, die die beiden daraufhin scharf kritisierte, weil sie das Lebewesen nicht in Ruhe gelassen hatten. Die Kritik traf sie wieder tief. So bat ich sie noch am Sonntag Abend nach dem Wochenende zu einem Gespräch, in dem ich ihnen zu erklären versuchte, dass sie ein schlechtes Sozialverhalten aufwiesen, sich nicht darum kümmerten, was in den anderen Teilnehmern vorgehe (wenn diese beispielsweise zum wiederholten Male auf die beiden warten mussten) und zu wenig Ernsthaftigkeit in brenzligen Situationen zeigten. Beide sind von ihrem Wesen her durchaus sensibel genug und intellektuell in der Lage, ihre Umwelt intensiver wahrzunehmen. Ich unterbrach ihre bekannten Entschuldigungsversuche. Sie erkannten den Ernst und die Offenheit in meiner Stimme an. Sie bemühen sich mittlerweile, der „Knoten“ ist aber noch nicht geplatzt.
Dennoch würde ich das Kanufahren immer wieder als eine der wertvollsten Methoden für die Zielsetzung unserer Arbeit anwenden.
Anhang - Inhaltsverzeichnis (hier gekürzt)
1. Packliste
2. Unterschriebene Hausordnungen der TN mit Einwilligung für EP-Maßnahmen
3. Einladung und zusätzliche Genehmigung der Eltern für Minderjährige für die spezielle Maßnahme (musste telefonisch eingeholt werden)
4. Kanu-Einführung in Stichworten
5. Spiele
6. Landkarten
7. Genehmigung Arbeitgeber
8. Versicherungsnachweis
9. Literaturliste
zu 1. Packliste
Isomatten
Persönliches Gepäck Schüler und Betreuer
3 Kameras (Video, normal, wasserfest)
Filzstifte
Panzerklebeband
Papier
Stifte
Klebeband
Spielkarten,
Fußball
Volleyball
Würfel
Augenbinden
Wäscheklammern
Seilstücke
Wasserbomben
Kletterseil
Geschirr
Besteck
Geschirrtücher
Salatschüssel
Taschenmesser
Kocher
Toilettenpapier
Erste-Hilfe-Set
Verpflegung, Lebensmittel
Getränke (Wasser, Säfte, Bier)
Knabberzeug
Schokolade
Kanus
Schwimmwesten
Helme
Paddel
Wasserfeste Tonnen und Säcke
Wurfsäcke und Bootskarabiner
Wasserfeste Leinen
zu 4. Kanu-Einführung
• Einführen in die wichtigsten Paddelschläge: Bogen- und Steuerschlag hinten, Ziehschlag vorne
• Helm-Check
• Schwimmwesten-Check
• Sind Wertsachen gut verstaut?
• Haben Brillenträger ein Halteband für die Brille?
• Trägt jeder Teilnehmer Schuhe?
• Sind die wasserfesten Behältnisse richtig verschlossen?
• Sind die Teilnehmer in einer guten körperlichen Verfassung? Können sie schwimmen? Haben sie Angst oder überschätzen sie sich?
• Information der TN über den Fluss, die Gefahrenpunkte, die Etappenlänge, Naturschutz, Kehrwässer
• Verhaltensregeln: Betreuer fährt voraus (Nicht überholen und dessen Linie nachfahren!), im Abstand folgen, zweiter Betreuer fährt am Schluss
• Handzeichen vereinbaren, Pfeife nur im größten Notfall benutzen, TN sollen bei Kenterungen Blickkontakt mit Betreuer aufnehmen
• Verhalten im Gefahrenfall, an im Wasser liegenden Bäumen, bei Steinen, an Stromschnellen, Verhalten bei Kenterungen ( erst der Mensch, dann das Material!)
• Wurfsack erklären
Kanu-Guide-Check
• Ist die Ausrüstung komplett?
• Wurfsäcke
• Notrufmöglichkeit
• Bootskarabiner
• Seilrolle, Bandschlingen
• Ersatzpaddel
• Schwimmweste mit Bergesystem
• Erste-Hilfe-Set, insb. Rettungsdecken, Müsliriegel
• Säge, Taschenmesser, Cowtail
zu 5. Spiele
Werwolf-Spiel:
Die Gruppe ist die Bevölkerung eines kleinen Dorfes. Zwei von ihnen sind Werwölfe, die jede Nacht einen Bewohner umbringen, bzw. ihn zum Werwolf mutieren lassen können. Ein Betreuer ist Spielführer. Per Zettel informiert er die TN darüber, ob er Werwolf oder Bürger ist. Dann erzählt er eine entsprechende Geschichte zum Sachverhalt. Nachts schlafen alle und schließen die Augen. Der Spielführer lässt die Werwölfe erwachen. Mittels Blickkontakt vereinbaren sie, wer sterben muss. Die Gruppe erwacht und muss erraten, wer die Werwölfe sind. Sie können einen Verdacht aussprechen. Ist der Verdacht falsch, stirbt der Verdächtigte ebenfalls. Tote dürfen nicht mehr sprechen. Der Spielführer kann je nach Gruppengröße Besonderheiten einflechten, z.B. kann ein Bürgermeister als Wortführer gewählt werden, Amor kann Liebespaare zusammenstellen, die dann beide automatisch sterben, wenn einer stirbt, ein Seher kann auftauchen, der jede Nacht den Spielführer einmal ebenfalls per Blickkontakt fragen darf, ob ein bestimmter TN Werwolf ist u.a. Die Werwölfe beteiligen sich unauffällig an den Diskussionen um den auszusprechenden Verdacht. Gewinnen können entweder die Werwölfe, wenn sie die Gemeinde ausgerottet haben oder die Gemeinde, wenn sie die Werwölfe zuvor enttarnen.
Wäscheklammern-Spiel
Jeder TN erhält eine bestimmte Anzahl Wäscheklammern. Sie dürfen sich nur in einem festgelegten Spielfeld aufhalten. Auf ein Startzeichen hin versuchen sie, sich gegenseitig die Wäscheklammern an die Kleidung zu heften. Platzierte Klammern dürfen nicht mehr entfernt werden. Ziel ist es, so wenig wie möglich Wäscheklammern am Körper zu haben. Der Spielleiter pfeift das Spiel nach einer festgesetzten Zeit ab.
Wasserbombentransport
Die TN erhalten drei mit Wasser gefüllte Luftballons und ein Kletterseil. Sie müssen die Wasserbomben über eine bestimmte Strecke mit Hilfe des Seiles transportieren ohne sie zu berühren. Das Spiel kann ggfs. in zwei Gruppen gegeneinander gespielt werden.
Knoten-Spiel
Der Spielleiter verteilt Seilstücke, in die ein einfacher Sackstick geknotet ist. Jeder TN hält ein Ende eines solchen Seilstückes. Das andere Ende hält ein weiterer TN, so dass sich ein TN-Kette formiert. Die Seilstücke dürfen auf keinen Fall losgelassen werden und die Gruppe probiert, jeden einzelnen Knoten zu lösen.
zu 9. Literaturliste
• Riegel, Franz / Raffler, Dieter: „Stechpaddel Fahrschule“, Pollner Verlag
• VDKS e.V. : „Kanuguideausbildung / Lehrgangsunterlagen“, VDKS
• Mason, Bill: „Der Canadier – Die Kunst des Kanufahrens“, Gatz Verlag
• Birzele, Josef / Hoffmann, Oliver: „Mit allen Wassern gewaschen“, raxishandbuch für erlebnispädagogisches Handeln im und am Wasser, Ziel Verlag
• KAP-Institut: „Lehrgangs- / Kursunterlagen Kanu / Floß“
• Steinhardt, Tilman / Singer, Dieter: „Kanuspiele“, Pollner Verlag
Abschlussprojekt der Ausbildung Zusatzqualifikation Erlebnispädagogik
im Arbeitsfeld Jugendhilfe, Schule, KJP
des KAP-Institutes
Pirates of the River
“Fluch der Argen”
Erlebnispädagogisches Projekt von Christine Steinhauser