Mut zum Risiko
Herausforderung für die Arbeit mit Jugendlichen
(erleben & lernen 10)
Einwanger Jürgen (Hrsg.)
Leseprobe
1.1.2 Bindung und Risiko
von Anne Fritz und Martin Schwiersch
Ansatzpunkt des Beitrags
Wie ein Mensch als (junger) Erwachsener mit Risiken umgeht, ist das Ergebnis eines komplexen Wirkungsgeflechts. Zu dem Zeitpunkt, an dem ein Mensch im Rahmen erlebnispädagogischer Unternehmungen in die Obhut einer Pädagogin kommt, ist die Art und Weise, wie er mit Risiken umgeht, bereits durch viele Einflussfaktoren geprägt, deren jeweilige Beiträge „von außen“ nicht gesehen werden können.
In diesem Kapitel soll untersucht werden, wie frühe Bindungserfahrungen den späteren Umgang mit Risiken vorformen. Bindungserfahrungen sind das zeitlich erste „Erfahrungsfeld“ für Vertrauen, Rückhalt, Exploration, Wagnis und Risiko. Zeitlich vor den Bindungserfahrungen liegen Einflussfaktoren wie die neurobiologische Ausstattung sowie prä-, peri- und postnatale Faktoren.
Entwicklungspsychologisch muss davon ausgegangen werden, dass Bindungserfahrungen nicht lediglich einen von mehreren Einflussfaktoren konstituieren, sondern diese vielmehr ein prägendes Paradigma für weitere Entwicklungsschritte darstellen, unter anderem für den Umgang mit neuen und risikobehafteten Situationen.
Soziale Auffälligkeiten und Verhaltensstörungen, die neben anderen Faktoren Bindungsprobleme als Ursache haben können, nehmen zu, so der Eindruck von klinischen Praktikern, die Einschätzung von Jugendforschern und die Ergebnisse klinischer Studien (z.B. Scheithauer/Petermann 2002, Steinhausen 2006). Wenn die These stimmt, dass Bindung den Umgang mit Risiken prädeterminiert und die Einschätzung zutrifft, dass Bindungsprobleme zunehmen, dann muss eine „Risikopädagogik“
1) ein bindungstheoretisches Bewusstsein entwickeln für das Verhalten, das
Jugendliche in Risikosituationen zeigen und
2) ihre praktischen Strategien bindungstheoretisch absichern.
Ein darüber hinausgehendes kühneres Ziel wäre:
3) durch Beziehungs- und Bewältigungserfahrungen in Risikosituationen
korrigierende Erfahrungen zu ermöglichen.
Der Beitrag versucht, den beiden ersten Zielen gerecht zu werden, um dann
eine realistische Einschätzung des dritten Ziels vorzunehmen.
Nun ist Risiko nicht gleich Risiko. Aus praktischen Gründen beschränken wir uns hier auf folgende Risikosituationen: Physische Gefahren, die durch Kompetenzverhalten mit einem subjektiv akzeptablen Unsicherheitsfaktor kontrolliert werden können. Wir sind uns dabei durchaus bewusst, dass physische Gefahren nie nur den Körper bedrohen und dass sie in der Regel in Beziehungssituationen eingebettet sind.
Die Untersuchung von „Bindung“ – und deren Nähe zu „Risiko“
Um Bindungsverhalten von Kleinkindern untersuchen zu können, entwickelte Mary Ainsworth den Fremde-Situation-Test (Ettrich 2004, 8). Die „Fremde Situation“ beschreibt die psychologische Grundcharakteristik von Risikosituationen geradezu paradigmatisch und sei hier daher ausführlich dargestellt.
Fremde Situation
1) Mutter und Kind betreten ein ihnen unbekanntes Spielzimmer.
2) Sie akklimatisieren sich. Das Kind hat Gelegenheit, den Raum und die dort befindlichen Spielsachen zu erkunden. Der Mutter ist ihr Verhalten freigestellt.
3) Eine fremde Person tritt ein. Erst nach etwa 2 Minuten nimmt sie durch Ansprechen Kontakt zur Mutter auf und wieder eine halbe Minute später Kontakt zum Kind.
4) Auf ein zwischen Mutter und Versuchsleiter vereinbartes Zeichen verabschiedet sich die Mutter vom Kind und verlässt den Raum (Aktivierung des Bindungssystems beim Kind).
5) Nach 3 Minuten (bei heftigen Reaktionen des Kindes früher) kommt die Mutter zurück.
6) Während die Mutter das Kind tröstet, verlässt die fremde Person den Raum. Wenn das Kind wieder hinreichend exploriert, verlässt die Mutter ebenfalls den Raum (extreme Aktivierung des Bindungssystems beim Kind). Die meisten Kinder wollen der Mutter nachlaufen, sie schreien und weinen.
7) Jetzt betritt die fremde Person den Raum und versucht das Kind zu trösten oder durch Spielangebote von der Trennung abzulenken.
8) Schließlich kommt die Mutter in den Raum zurück, die fremde Person verlässt den Raum wieder.
Was ist an diesem Test für Risikosituationen paradigmatisch? Risikosituationen gleichen dem Betreten eines fremden Raums. Auf der Basis von Sicherheit (in diesem Fall die begleitende Mutter) kann der fremde Raum exploriert werden. Exploration ist das biologisch vorgeprägte Verhaltensmuster für Risikoverhalten. Die Exploration wird seitens des Kindes frei gewählt, so wie auch Risikosituationen frei aufgesucht werden sollten. Gefahren-situationen bedrohen Leib und Leben und – so unsere These – aktivieren auch das Bindungssystem: Nicht umsonst, wenn auch vergeblich, ruft der Kletterer in einem verbürgten Beispiel angesichts eines – dann letztlich glimpflich ausgegangenen – Todessturzes „Mama“.
Eine weitere Ähnlichkeit ergibt sich aus der Komplementarität zwischen Bindungssicherheit und Exploration: Ist beim kleinen Kind das Bindungssystem aktiv (Trennung von der Mutter), dann ist das Explorationssystem inaktiv. Umgekehrt wird sich ein Kind, das sich bindungssicher fühlt, im Raum weiter fortwagen und Gegenstände erkunden – oft mit Rückversicherungsblicken zur sicheren Ausgangsbasis. Die Implikationen für Risikosituationen liegen auf der Hand: Nur wer sich ausreichend sicher fühlt, sei es durch die Vertrautheit mit dem Raum und dem Material, die Anwesenheit einer Vertrauensperson (Übungsleiter, Erzieherin . . .), sei es durch eigenes Kompetenzerleben, ist zu Erkundungsverhalten und damit zu weiterem Lernen in der Lage.
Der Fremde-Situation-Test ist eine im Kern soziale Situation. Das trifft auf den ersten Blick nicht für alle Risikosituationen zu. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass es eine Risikosituation, die nicht auch eine soziale Situation wäre, nicht gibt: Entweder bricht man mit einem anderen Menschen gemeinsam in ein Risiko auf oder jemand anderer hat dazu ermutigt, davon abgeraten oder es schlicht vorgeführt. Auch der Erstbegeher folgt indirekt sozialen Spuren, wenn er den weißen Fleck auf der Landkarte (oder das unberührte Stück Fels) aufsucht, wo andere gerade nicht waren. Und wer allein zu seinem Solo aufbricht, wird, so Gott will, auch wieder zur Gruppe zurückkehren. Metaphorisch ist jede Risikosituation das Aufsuchen eines fremden Raums mit der Mutter oder das „Aushalten“ eines fremden Raums bei abwesender Mutter.