Leseprobe: Vorwort
Outdoor Training - Personal- und Organisationsentwicklung zwischen Flipchart und Bergseil
Leseprobe
Vorwort der Herausgeber
Vor gut einem Jahr sind die ersten Vorüberlegungen zu diesem Band entstanden. Der Luchterhand Verlag sprach uns an, ob wir nicht bereit wären, einen neuen Band in der „Schriftenreihe „erleben & lernen“ zu diesem Thema zu verantworten. Wir haben diese Herausforderung gerne angenommen. Jetzt, wo wir die Texte an den Verlag geben, liegt eine intensive Phase der Arbeit an den Texten und mit den Autoren hinter uns.
Was war unser grundlegendes Konzept? Uns war es wichtig, dass dieser Band das gesamte Spektrum der Arbeit mit der Methode „Outdoor-Training“ so weit wie möglich abbildet. Das betraf zum einen die verschiedenen Methoden – vom Training in fernen Wüstengegenden bis hin zu den vergleichsweise unauffälligen Übungen in einem Hotelpark. Zum anderen wollten wir aber auch die Breite der Szene im Bereich Outdoor-Training beschreiben. Daher haben wir Praktiker aus den in Deutschland wichtigsten Unternehmen, die Outdoor-Trainings durchführen, gebeten, als Autoren aufzutreten und entweder bestimmte Themen zu vertiefen oder durch Praxisberichte Einblicke in ihre Trainings zu geben. Dieser Ansatz hat Vor- wie Nachteile. Die Vorteile liegen in der Tatsache, dass sich hier die gesamte Branche in ihrer Vielfältigkeit präsentieren kann und ein guter Überblick über das Feld gegeben wird. Auch wird so eine Schieflage zugunsten eines Anbieters vermieden. Der Nachteil war für uns als Herausgeber, dass wir es mit Praktikern zu tun hatten, die neben ihren laufenden Trainings am Schreiben waren. Bisweilen war schon die alltägliche Kommunikation ein Problem – wenn der dringend gesuchte Autor gerade im Himalaya unterwegs war. Ein potenzieller Nachteil war auch, dass die verschiedenen Profile der angesprochenen Unternehmen und Autoren zu sehr verschiedenen Beiträgen führten. Hier sanft in Richtung einheitlicher Sprache, Formate und Standard zu drängen – und dabei trotzdem das Originäre der Autoren zu respektieren - war die manchmal nicht ganz leichte Aufgabe von uns Herausgebern. Wir hoffen, dass uns das geglückt ist. Die Frage nach der männlichen und weiblichen Anrede haben wir so gelöst: wir sprechen von Teilnehmern und meinen natürlich damit auch das vermeintlich schwache Geschlecht; wir sprechen mit „KundInnen“ zwar unschön, aber voll im Zeitgeist, beide Geschlechter an und meinen auch die Männer, wenn wir von Trainerinnen sprechen. So haben wir es den einzelnen AutorInnen erspart, die jeweils selbst getroffene Entscheidung in ihrem Beitrag zusätzlich zu begründen.
Für wen ist dieses Buch geschrieben? Wir wenden uns vor allem an Menschen, die sich zum ersten Mal über Outdoor-Trainings informieren wollen. Und natürlich an Studierende – der Betriebswirtschaft, der Pädagogik, der Psychologie, der Sozialen Arbeit – und an Betroffene: sei es, weil sie demnächst als Teilnehmer ein Training besuchen werden, sei es, weil sie in irgendeiner Weise an einem Entscheidungsprozess darüber beteiligt sind. Es geht also um eine ersten Überblick. Weniger ist es unser Ziel, die Fachdiskussion zwischen den Praktikern mit diesem Buch zu fördern. Daher haben wir auf eine zu differenzierte Darstellung einzelnen Theorieansätze verzichtet, sondern uns auf die „basics“ beschränkt. Der fachliche Austausch innerhalb der Trainingsbranche muss woanders stattfinden – nachdem wir hier nun ein Buch vorliegen haben, das immerhin ein „gemeinsames Produkt“ einer doch repräsentativen Auswahl von Anbietern auf dem deutschen Markt ist, sind wir optimistisch, dass wir auch hier etwas bewirken werden.
Eine weitere Anmerkung: die Suche nach Praxisberichten gestaltete sich viel schwerer, als zunächst angenommen. Dabei war es ein Hindernis, die Unternehmen zu der Freigabe von Texten zu bewegen. Für uns verwunderlich: Wenn man davon ausgeht, dass in keinem der Berichte personenbezogene Daten oder Unternehmensgeheimnisse ausgeplaudert werden sollten, wundert’s uns, dass man sich da so schwer tut. Sie könnten doch stolz sein, dass sie ihren Mitarbeitern eine gute und innovative Methode anbieten. Und wenn mal in einem Bericht steht, dass es in dem Unternehmen an der einen oder anderen Stelle hakt und daher ein Training notwendig war ... kann man das nicht zugeben? Oder ist es mit der Fehlerkultur in den Unternehmen doch noch nicht so weit her? Uns auf jeden Fall hat diese vornehme Zurückhaltung verblüfft!
Das Herausgebergespann zeichnet sich durch Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus, die wir zu Synergien nutzten. Beide arbeiten wir draußen und drinnen mit Menschen, versuchen Lern- und Denkprozesse anzustacheln, haben uns dem Lernen durch Erlebnis, Erfahrung und Handlung verschrieben. Niko Schad verbürgte nicht nur den Blick von innen durch seine reichhaltigen Erfahrungen im Bereich des Outdoor-Trainings, er konnte durch seine zahlreichen Kontakte zu Trainern und Outdoor-Firmen die Bandbreite der Buchthemen garantieren. Werner Michl , Experte in Sachen Erlebnispädagogik, im Bereich der Erwachsenenbildung, in der Hochschuldidaktik – und vor allem bei Methoden handlungsorientierten Lernens - konnte neben diesen Fachkompetenzen auch seine reichhaltigen Erfahrungen als Autor und Herausgeber einbringen.
Zu den Beiträgen im Einzelnen: Niko Schad gibt zunächst einen ersten Überblick über die Grundzüge des Outdoortrainings, Matthias Goettenauer geht dann auf den unternehmerischen Kontext ein, in dem Outdoortraining gebucht und durchgeführt wird. Selbst wenn heute in vielen Trainings Natur nur am Rande oder als Kulisse auftaucht, bleibt die Frage, welche Chancen ihre systemische Nutzung bietet Siegfried Molan Grinner gibt hier Hinweise, die über gängige Argumentationen hinausweisen. Qualität und Design sind zentrale Kategorien, wenn es um die Buchung und Planung von Outdoor-Trainings geht. Doro Lehmann und das Autorenteam Lothar Sippl / Matthias Mokros geben hier einen guten Überblick, auf was hierbei von allen Beteiligten zu achten ist. Der Transfer des gelernten in den Unternehmensalltag ist letztlich das Maß., an dem Unternehmen die Wirksamkeit von Outdoor-Trainings messen wollen. Michael Wagner pflichtet dem zwar bei, aber beharrt darauf, dass die Verantwortung für den Transfer bei den Kunden, sprich Teilnehmern und Unternehmen liegt. Niko Schad nähert sich aus einem anderen Blickwinkel dem Transferproblem: Er geht von der Fragestellung aus, was von Seiten der Outdoortrainer für den Transfer getan werden kann und getan werden muss. Jürgen Vieth stellt Schlüsselsituationen innerhalb von Trainings dar, um zu verdeutlichen, wie Lernen im Outdoortraining passiert, Mayke Wagner setzt sich mit deren Einsatz in interkulturellen Trainings auseinander. Abgerundet wird der mehr theoretische Teil mit einem Beitrag von Stefan Gatt zum Thema Sicherheit und einer „Lesehilfe“ von Andrea Karl und Paul Maisberger, die eine Orientierung im Dschungel der Prospekte und Webseiten zu geben versuchen.
Bert Kohlhaus beschreibt im ersten Praxisbericht den Bau einer Seilbrücke. Freilich geht es nicht nur um die Entwicklung handwerklicher Fertigkeiten, sondern immer auch um Metaphern des Lernen: eine Brücke bauen zu Betrieb und Beruf. Am Beispiel „Teamentwicklung einer Change-Management-Steuerungsgruppe“ zeigt Roland E. Röttgen auf, wie aus den ersten Kundenkontakten und -wünschen ein Seminardesign entwickelt wird. Rolf Stapf entwickelte mit seiner Firma ein Unternehmensplanspiel für die „Deutsche Flugsicherung“, dem ein komplexes Szenario zu Grunde liegt. Das Zusammenspiel vieler Teams bei unterschiedlichsten Problemlösungsaufgaben ist hier nur ein Abbild der komplexen beruflichen Wirklichkeit. Wie können innovative Projekte und Outdoor-Trainings bei einem der größten europäischen Dienstleistungsunternehmen eingeführt werden? Auf diesen schwierigen Weg bei der Deutschen Bahn AG blickt Wolfgang Servas zurück Inzwischen ist die Bahn einer der größten Anbieter im Outdoorbereich. Im „Kampf um die Talente“ setzten Gerd Rimner und Bernhard Burggraf von „C4 – Company Country“ konstruktive Lernprojekte ein - überschaubare und nahezu überall einsetzbare Problemlösungsaufgaben - und schufen mit einfachen Übungen ein komplexes Szenario. Opel und Outdoor-Training? Sehr wenig wurde bislang über eines der umfangreichsten Programme, das die Opel AG durchführte, publiziert. Tina Küssner war „live“ dabei! In fremde Welten entführt Stefan U. Mühleisen die Leserinnen und Leser - so wie Unternehmen die sich intensive Erfahrungsgewinne erhoffen, wenn sie ihre Führungskräfte und Mitarbeiter statt in den Seminarraum an fremde Orte und Plätze der Welt schicken. Die Beiträge von Artur Zoll und Mario Kölblinger lesen sich wie These und Antithese – die Synthese überlassen wir den geschätzten Leserinnen und Lesern! Die Frage, was kann man so alles in sechs Metern Höhe lernen kann, beantwortet Artur Zoll zwar durchaus kritisch, kommt aber dann zu einer positiven Bewertung. Mario Kölblinger dagegen setzt in seinem frechen und frischen Beitrag vieles in Frage, was bislang unhinterfragt zu den gängigen Lernzielen von Trainings in Hochseilgärten erklärt wurde. Gibt es einer spezielle Ausbildung für handlungs- und erlebnisorientiertes Lernen. Dieser Frage geht Dietrich Kretschmar in seinem Artikel nach. Auf der Suche nach der richtigen Ausbildung zum Outdoor-Trainer benutzt Kretschmar subjektive Zugänge zu objektiven Daten.
Wir bedanken uns bei den AutorInnen für die Arbeit und die Geduld, die sie unseren vielen Änderungswünschen entgegengebracht haben. Bernd Heckmair verdanken wir einige konzeptionelle Überlegungen in der Frühphase der Erstellung, Ute Ochtendung aus Kassel steuerte ihr buchtechnisches Wissen bei und hatte dazu noch viel Geduld mit einem der beiden Herausgeber. Natürlich wünschen wir uns, dass das Buch nicht nur in der Szene angenommen und diskutiert wird. Anregungen, Kritik, Ergänzungen – und selbstverständlich auch Lob - nehmen wir gerne entgegen und hoffen, dass wir die Erkenntnisse in eine zweite, stark überarbeitete und aktualisierte Auflage einfließen lassen können.
Roßhaupten, Berg im Mai 2002
Niko Schad Werner Michl