"Wenn Kinder keine Kindheit hatten"
Allgemeine deutsche Zeitung für Rumänien, 28. Dezember 2002
Erlebnispädagogische Einzelbetreuung in Kastenholz / Soziale Einrichtungen in evangelischen Pfarrhäusern (V)
von Hannelore Baier
Zwölf Kilometer von Hermannstadt/Sibiu in Richtung Agnetheln/Agnita enlfernt liegl Kastenholz/Casolt. Um ins Dorf zu gelangen, muss man von der Landstraße rechts abbiegen und fährt an klaren Tagen direkt aufs Fogarascher Gebirge zu. Der faszinierende Anblick der nahen Berge war mit einer der Gründe, weshalb der Projektleiter für Rumänien des KAP-Instituts in Regensburg, sich mit seinem Schützling hier niedergelassen hat. Seit August diesen Jahres bewohnen sie das evangelische Pfarrhaus, im Dorf: das Pfarrhaus ist, wie es die darauf geschriebene Jahreszahl verkündet, 1987 renoviert worden, einen Pfarrer aber gab es hier schon damals nicht mehr. Seit Weihnachten 1997 fand hier auch kein Gottesdienst mehr statt und die Gräber am Friedhof sind fast alle mit einem Betondecke zugedeckt. Im Dorf leben noch zwei evangelische Familien: sowie zwei alleinstehende Männer und die werden zum Gollesdienst in die Nachbardörfer abgeholt.
KAP steht mit schwarzer Farbe am Tor des Pfarrhauses und das Kürzel bedeutet "Kooperative Abenteuer Projekte". Das vor 12 Jahren von Peter Alberter gegründete KAP-Institut in Regensburg hat drei Standbeine: Es bietet, erstens, eine Zusatzqualifikation in "Erlebnispädagogik in der Jugendhilfe" an und veranstaltet, zweitens, erlebnisorientierte Fahrten für Schulklassen oder verschiedene Berufskategorien, bei denen u.a. Zusammensein mit anderen genießen und gestalten, Konflikte ohne Streit bewältigen, Sensibilität für Natur und Umwelt aus konkreten Erfahrungen heraus. Entwickeln von Selbstvertrauen durch Entdecken und Stärken von neuen Fähigkeiten, die eigenen Grenzen einschätzen und gegebenenfalls erweitern lernen, vermittelt werden. Drittens geben Erlebnispädagogen des KAP-Instituts auffällig gewordenen Jugendlichen intensive Einzelbetreuung im In- und Ausland. Eine derartige Eins-zu-Eins-Betreuung erfahren der 12-jährige Max (der Name wurde geändert)und ein anderer Junge derzeit in Kastenholz. Vom KAP-Institut nach Rumänien vermittelt leben zwei weitere Jugendliche in der Gegend von Hermannstadt/Sibiu. Diese erlebnispädagogische Einzelbetreuung bedeutet für diese Jugendlichen eine letzte Chance vor der Jugend- oder Kinderpsychiatrie oder dem Strafvollzug. Diese 10-18 Jährigen haben meist zehn und mehr Heime durchlaufen, waren bei mehreren Pflegefamilien, sie sind seelisch, oft aber auch sexuell missbraucht worden und haben darauf oft mit kriminellen Handlungen reagiert. Sie hatten keine Kindheit, lernten früh das Überleben und versuchten, auf "ihre" Art die Aufmerksamkeit zu erregen: An diese Jugendlichen ist es besonders schwer heranzukommen, eine Beziehung und Vertrauen aufzubauen. Manchmal klappt es nach Monaten, manchmal aber auch gar nicht. Sie können, infolge der gemachten Erfahrungen, schwer damit umgehen, dass nun jemand da ist, der sagt, "ich mag dich so wie du bist." Und diese Arbeit mit den Gefühlen ist, so Alexander lschner das weitaus Schlimmste bei der Betreuung. Eine derartige Intensivbetreuung dauert eineinhalb bis zwei Jahre und sie wird vom Jugendamt beantragt. Den Jugendlichen wird die Möglichkeit einer sozialen Integration geboten, indem ihr Tagesablauf und ihr Leben eine Struktur erhält. Gearbeitet wird dabei in vier Phasen:
Zunächst wird der Jugendliche mit seinem Betreuer gleich am ersten Tag in der Natur ausgesetzt, wo mit Gepäck 80-100 Kilometer erwandert und danach eine Flussabwärts Bootsfahrt gekoppelt mit einem Mountainbiketrip über 350 Kilometer (mit Gepäck, darunter Zelt) zurückgelegt werden müssen. Anhand der Tagesdokumentation des Betreuers und des Jugendlichen wird danach in einer Zwischenauswertung über die nächsten Schritte in der Erlebnistherapie entschieden und das ist dann oft ein Standort-Projekt. Der Betreuer und Max kamen per Fahrrad aus Deulschland nach Kastenholz und entschlossen sich, hier ihr Standort-Projekt durchzuziehen: Zunächst musste das Pfarrhaus gesäubert und hergerichtet werden; Arbeit, die nach und nach getan wird. Die Fenster sind blank geputzt, die Fensterläden abmontiert, daran die alte Farbe abgeschliffen und nun werden sie neu gestrichen. Im Hof des Pfarrhauses wurde der alte Zaun aus Maschendraht abgerissen und ein neuer wird aufgestellt. Frisch gekalkt wurde der Stall, denn dort sollen Tiere rein, und gebaut wird eine "Schwitzhütte", um im Winter nicht mehr zur Sauna nach Hermannstadt fahren zu müssen. Beschäftigungstherapie für einen Zwölfjährigen? Wichtig sei nicht, wie schnell eine Arbeit durchgeführt wird, sondern dass sich die Jugendlichen konzentrieren und an einer Sache dranbleiben lernen. Hier wird mittels des Umgangs mit Materialien erfahren, dass ein Produkt entsteht, die Jugendlichen erleben, dass sie etwas leisten können und das stärkt das Selbstwertgefühl. Sie erhalten eine Aufgabe- und somit die Chance zu zeigen, was in ihnen steckt. Tiere sollen hinzukommen, weil damit nicht nur Verantwortung übernommen, sondern auch eine neue Beziehung zu Tieren aufgebaut wird, da viele dieser Jugendlichen früher Tiere gequält haben. Doch bestimmt nicht die "Arbeit" den Tagesablauf allein: Dreimal pro Woche erhält Max Unterricht in Deutsch, Mathe, Englisch, Rumänisch und Religion von einer Studentin am Theologischen Institut. Sein "Kollege" aber wird, wenn er nach Weihnachten von seinen Eltern in Deutschland zurückkommt, in Hermannstadt die Schule besuchen. Kontakt zur Schule und den Schülern in Kastenholz wurde ebenfalls geknüpft. Und immer wenn eine "Arbeit" abgeschlossen ist, wird ein Ausflug, eine Rad- oder Wandertour veranstaltet. Als Wir (Ende November) in Kastenholz waren, trafen wir nur Maja Thorwächter an, die für die beiden Jungen eine Art Oma ist und oftmals für die vier Pfarrhausbewohner kocht. Der Betreuer, ausgebildeter Heilerziehungspfleger und Erlebnispädagoge, der in der Kinderpsychiatrie, Pflege Schwerstbehinderter und Suchttherapie gearbeitet hat, möchte aber in Kastenholz ein Aufbau-Projekt initiieren: Ab Frühjahr soll mit dem Herrichten des Pfarrhauses aber auch der Kirche erst richtig losgelegt werden. Zusätzlich möchte man den Garten bebauen und Tiere halten. Nach Kastenholz sollen auch rumänische Kinder eingeladen werden, um die Natur zu erfahren und Abenteuer zu erleben, wie sie das in der Stadt nicht können. Er denkt daran, die Schmalspurbahn zwischen Hermannstadt und Agnetheln zu reaktivieren, Erlebnis- Tourismus aber auch auf anderen Gutshöfen anzubieten. Die Prinzipien der Erlebnispädagogik stellte er den Schülerinnen und Schülern der Friedrich-Müller-Schule (die bekanntlich Alten-und Behindertenpfleger ausbildet) vor, er arbeitet aber auch mit der Klasse am Päda, in der Freizeit-Pädagogen ausgebildet werden. Und warum sollten in Rumänien nicht auch Erlebnispädagogen ausgebildet werden, die man zum Beispiel in der Präventionsarbeit mit auffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen hier einsetzt? Schwierigkeiten können aber auch Erwachsene haben, doch darüber im nächsten Beitrag.